„Alles andere als koscher“

Volker Beck und die Hetzkampagne gegen Norman G. Finkelstein

Ende Januar 2017 war der jüdisch-amerikanische Politologe Norman G. Finkelstein zu Gast beim halleschen Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung. Sein Besuch hat hohe Wellen geschlagen und sogar die Bundesregierung beschäftigt.

Dass Deutschland damit einen neuen „Skandal“ um Finkelstein bekam, lag maßgeblich am grünen Nochbundestagsabgeordneten Volker Beck, der mit seiner Fraktion eine Kleine Anfrage an die Bundesregierung schickte. In der Frankfurter Allgemeine Zeitung hat Patrick Bahners den Grünen für diese Aktion bereits die Leviten gelesen („Ein Skandal um Finkelstein: Grüne Fragen“, 22. März 2017; „Die Regierung zu Finkelstein: Antwort an die Grünen“, 5. April 2017).

Am 18. Januar 2017 empörte sich Beck auf Facebook: „Ausgerechnet Finkelstein, por l’amour de Dieu! Seine wissenschaftliche Expertise kann es eigentlich nicht sein, was ihn für die Einladung des MPI qualifiziert hat: Mit anchweislich falschen Behauptungen griff er die Jewish Claims Conference an, faselte er von einer Holocaustindustrie, erklärte seine Solidarität mit der Hisbollah und hält die Hamas gegenüber Israel für eine Friedensoffensive. Dinge, die bei Verschwörungstheroretikern und Neonazis prima ankommen, weil Finkelstein Sohn von Holocaustüberlebenden ist. Aber was hat das Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle geritten, ihn einzuladen? Man fasst es nicht! Antisemitische Vorurteile mit eingebauter Absolution sind ja immer ein gern gesehenes Angebot. Aber was will das Max-Planck-Institut damit?“ Auf diesem Niveau sollte es weitergehen …

Die Kleine Anfrage der Grünen (Bundestagsdrucksache 18/11459 vom 8. März 2017) ist schlicht grotesk. Beck war federführend. Dass er von den Grundkenntnissen wissenschaftlichen Arbeitens offenbar unbeleckt ist und zudem auf Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik pfeift, war kein Hinderungsgrund. Als Mitverantwortliche werden genannt: Kai Gehring, Maria Klein-Schmeink, Renate Künast, Özcan Mutlu, Dr. Konstantin von Notz, Tabea Rößner, Elisabeth Scharfenberg, Doris Wagner und Beate Walter-Rosenheimer. Abgesegnet wurde das Ganze von „Katrin Göring-Eckardt, Dr. Anton Hofreiter und Fraktion“.

Kurzum, die Bundestagsfraktion der Grünen unterstützt Beck in diesem Fall voll und ganz, und das, obwohl er ansonsten in seiner Partei längst „ohne Rückhalt“ dasteht, wie Spiegel Online berichtete („Grüner Landesparteitag: Volker Beck verliert Kampf um aussichtsreichen Listenplatz“, 2. Dezember 2016). Angesichts der Dringlichkeit urgrüner Themen, die auf diesem unseren Planeten die Menschheit bewegen, mutet es seltsam an, dass die Bundesfraktion der Grünen nichts Besseres zu tun hat, als die „widersprüchliche Informationspolitik des Max-Planck-Instituts für ethnologische Forschungen im Fall Dr. Norman Finkelstein“ unter die Lupe zu nehmen. Eine der Detailfragen (3c) lautete allen Ernstes: „Wie viele extern Angemeldeten wurde nach Kenntnis der Bundesregierung zu welchem Zeitpunkt abgesagt (im Fall von mehreren Absageterminen bitte Anzahl der Absagen zum jeweiligen Termin aufführen)?“

Als die Kleine Anfrage lanciert wurde, schrieb Beck auf Facebook: „Das könnte für das Max-Planck-Institut in Halle ganz eng werden. Diese Einladung war wissenschaftlich sicher nicht kosher. Und die Öffentlichkeit wurde“ – allein schon für diese Formulierung möchte man ihn abwählen – „multipel belogen“ (17. März 2017). Darunter verlinkt war ein Artikel auf Süddeutsche.de, der Finkelstein schon in der Überschrift als „Israel-Hasser“ beschimpfte und auch ansonsten unsäglich war (dazu gleich mehr; siehe auch meinen Artikel vom 24. März 2017, „Volker Beck empfiehlt sich – mit einem Angriff auf Norman Finkelstein“, http://normanfinkelstein.com/2017/03/25/finkelstein-under-attack-by-german-parliamentarian-and-self-styled-friend-of-israel-volker-beck-green-party/).

Verfasser der Antwort der Bundesregierung (Bundestagsdrucksache 18/11720 vom 27. März 2017) auf die Kleine Anfrage der Grünen war Thomas Rachel (CDU), seines Zeichens Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung. Die Bundesregierung ließ sich zwar dazu hinreißen, das Max-Planck-Institut für seine Öffentlichkeitsarbeit in Bezug auf Finkelsteins Gastaufenthalt sanft zu rüffeln, das war’s dann aber auch schon, denn die Grünen mischten sich hier in Dinge ein, die sie nichts angingen (siehe Bahners).

Beck hatte dennoch die Chuzpe, am 30. März 2017 auf seiner Internetseite zu behaupten, dass die Antwort der Bundesregierung eine „ziemliche Blamage für die renommierte Max-Planck-Gesellschaft“ sei. (Zumindest scheint dies O-Ton Beck zu sein; eine weitere seiner Aussagen im selben Beitrag ist mit Anführungszeichen versehen sowie mit dem Zusatz: „so Volker Beck weiter“.) Unter der Überschrift „Bundesregierung tadelt Max-Planck-Institut in Halle wegen Finkelstein-Veranstaltung“ heißt es bei Beck: „Eine ‚anti-israelische Propaganda-Veranstaltung‘: Im Januar dieses Jahres hat das Max-Planck-Institut für ethnologische Forschungen in Halle Norman Finkelstein eingeladen. Die Bundesregierung rügt das Max-Planck-Institut nun dafür [!], das geht aus der Antwort des Bundesministeriums für Bildung und Forschung … hervor.“

Immerhin macht ein an gleicher Stelle verlinkter Tagesspiegel-Artikel vom 28. März 2017 deutlich, dass Beck derjenige ist, der Finkelsteins Gastaufenthalt als „eine antiisraelische Propagandaveranstaltung“ abtut, und dass das Zitat keineswegs aus der Antwort der Bundesregierung stammt, wie Beck suggeriert: „Die Grünen im Bundestag werteten die Auskunft der Bundesregierung als Bestätigung ihrer Kritik. Der Auftritt von Finkelstein in Halle sei ‚alles andere als koscher‘ gewesen, sagte der Abgeordnete Volker Beck, Vorsitzender der deutsch-israelischen Parlamentariergruppe. Finkelsteins Philippika sei ‚eine antiisraelische Propagandaveranstaltung‘ gewesen, das Institut in Halle habe sich dafür instrumentalisieren lassen.“

Selbst wenn man Beck zugestehen wollte, dass die obigen Sätze nur unglücklich formuliert waren: Ausgerechnet er – ein Studienabbrecher, der das Wort „Theoretiker“ nicht einmal buchstabieren kann – maßt sich an, die ehrwürdige Max-Planck-Gesellschaft sowie einen an der Eliteuniversität Princeton promovierten Gastwissenschaftler der Unwissenschaftlichkeit zu zeihen?

Nebenbei bemerkt, die Ausdrucksweise der grünen Fraktionsvorsitzenden lässt ebenfalls zu wünschen übrig. Zum schlechten Wahlergebnis im Saarland erklärte Katrin Göring-Eckardt jüngst: „Offensichtlich ist es so, dass die Themen, mit denen wir im Moment draußen sind, nicht gerade wahrgenommen werden als der heiße Scheiß der Republik“ (Kilian Pfeffer, „‚Heißer Scheiß‘ in Grün“, SWR.de, 1. April 2017). Inzwischen herrscht Spiegel Online zufolge „Panik bei den Grünen: Eben noch auf dem Weg zur Volkspartei, stürzen sie nun Richtung Fünf-Prozent-Marke“ (Florian Gathmann / Philipp Wittrock, „Union und SPD zittern um die Grünen: Schmiert uns bloß nicht ab!“, 26. April 2017). Aber was soll man von einer Partei halten, die einerseits von sich behauptet, die „Welt im Blick“, die „Freiheit im Herzen“ und „Gerechtigkeit im Sinn“ zu haben, und andererseits mit unlauteren Mitteln gegen jemanden zu Felde zieht, der in Wirklichkeit ebendiese Ideale verkörpert? Was soll man sich erhoffen von Politikern, die auf ihrem hohen Ross sitzen und doch nur auf ihre Pfründe bedacht sind, weil sie außer Parteipolitik nichts gelernt haben? Schön wär’s, wenn Robert Habeck noch rechtzeitig zum Spitzenkandidaten der Grünen gekürt würde und für die Schandtaten seiner Kollegen deutliche Worte fände, denn Habeck ist aus anderem Holz geschnitzt.

Vor vier Jahren berichtete die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung über Volker Beck (Markus Wehner, „Ein Makel im Lebenslauf: Deutsche Spitzenpolitiker verschleiern ihre Studienabbrüche“, 26. Mai 2013): „Oft wird er als Jurist angesehen. Die Wahrheit: Beck hat keinen Beruf – nur den des Politikers. Sein Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Germanistik in Stuttgart brach er nach vier Jahren ab …“ Außerdem war aus dem Artikel zu erfahren, dass die grüne Bundestagsfraktion seinerzeit „die relativ größte Zahl an Studienabbrechern“ stellte. Und: Göring-Eckardt „ist, anders als oft behauptet, keine Theologin. Sie hat zwar etliche Semester Theologie studiert, aber das Studium nicht abgeschlossen.“

Dass Beck weithin als Jurist gilt und Göring-Eckardt als Theologin wahrgenommen wird, kommt natürlich nicht von ungefähr: Ersterer war lange Zeit rechts- bzw. menschenrechtspolitischer Sprecher, Letztere betont stets ihr kirchliches Engagement. Doch die reflexhafte Verteidigung israelischer Politik ist unvereinbar mit dem Einsatz für die Menschenrechte, und wer ignorante Hetzschriften absegnet, kann mit christlicher Barmherzigkeit nicht viel am Hut haben.

Unter den grünen „Fragestellern“ waren immerhin auch zwei Doktoren. Hielten Konstantin von Notz und Anton Hofreiter es wirklich für angemessen, einen von einem wissenschaftlichen Institut eingeladenen Politologen nach einem Veranstaltungsflyer und ein paar YouTube-Clips zu beurteilen?

Finkelstein hat in zwanzig Jahren zehn Bücher veröffentlicht, zwei davon bei Universitätsverlagen. Einschließlich wissenschaftlichem Anmerkungsapparat umfasst sein Werk inzwischen weit über 2000 Seiten.

Wie der Kleinen Anfrage zu entnehmen ist, handelt es sich bei den Büchern Finkelsteins „aus Sicht der Fragesteller“ um „pseudo- oder populärwissenschaftliche Werke“. Welche seiner Werke haben die Grünen denn damit gemeint? Vielleicht das gemeinsam mit Ruth Bettina Birn im Jahr 1998 vorgelegte Buch A Nation on Trial (deutsch: Eine Nation auf dem Prüfstand), das unter anderem mit Lob von Raul Hilberg, Eric Hobsbawm, Christopher Browning, Arno Mayer und Ian Kershaw versehen ist? Eric Hobsbawm etwa empfahl damals den Lesern von Daniel Goldhagens aufsehenerregendem Wälzer Hitler’s Willing Executioners (deutsch: Hitlers willige Vollstrecker) „dringend“ die Lektüre des schmalen Bandes von Finkelstein und Birn, weil darin „Goldhagens Argumente überzeugend und mit der nötigen Autorität auseinandergenommen werden“. Was genau macht dieses Buch aus Sicht der Grünen zu einem „pseudo- oder populärwissenschaftlichen Werk“? Als Hobsbawm starb, war er „zum vielleicht wichtigsten Historiker weltweit geworden“, die Welt verlor mit ihm „einen ihrer bedeutendsten kritischen Intellektuellen“ (Alexander Cammann, „Ein Anti-Spezialist in einer Welt voller Spezialisten“, Zeit.de, 1. Oktober 2012). Welche Argumente hat die grüne Bundestagsfraktion dem Urteil dieses Gelehrten entgegenzusetzen? Und was hat sie an Finkelsteins übrigen Büchern zu bemängeln?

Da man bezweifeln muss, dass die grünen „Fragesteller“ bislang auch nur ein einziges Buch Finkelsteins gelesen haben – abgesehen vielleicht von dem Bestseller Die Holocaust-Industrie, dessen Inhalt sie aber nicht zu begreifen scheinen –, folgt hier eine Liste seiner Bücher:

2017/18: Gaza: An Inquest into Its Martyrdom (noch nicht erschienen)

2014: Method and Madness: The Hidden Story of Israel’s Assaults on Gaza (deutsch: Methode und Wahnsinn, 2016)

2014: Old Wine, Broken Bottle: Ari Shavit’s Promised Land

2012: Knowing Too Much: Why the American-Jewish Romance with Israel is Coming to an End

2012: What Gandhi Says: About Nonviolence, Resistance and Courage

2010: “This Time We Went Too Far”: Truth and Consequences of the Gaza Invasion, erweiterte Taschenbuchausgabe 2011 (deutsch: Israels Invasion in Gaza, 2011)

2005: Beyond Chutzpah: On the Misuse of Anti-Semitism and the Abuse of History, erweiterte Taschenbuchausgabe 2008 (deutsch: Antisemitismus als politische Waffe, 2006)

2000: The Holocaust Industry: Reflections on the Exploitation of Jewish Suffering, zweite erweiterte Taschenbuchausgabe 2003 (deutsch: Die Holocaust-Industrie, 2001)

1998: A Nation on Trial: The Goldhagen Thesis and Historical Truth, mit Ruth Bettina Birn (deutsch: Eine Nation auf dem Prüfstand, 1998)

1996: The Rise and Fall of Palestine: A Personal Account of the Intifada Years (deutsch: Palästina, 2003)

1995: Image and Reality of the Israel-Palestine Conflict, erweiterte Ausgabe 2003 (deutsch: Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern, 2002)

Patrick Bahners hat in der FAZ darauf hingewiesen, dass auch Finkelsteins neuestes Werk bei einem Universitätsverlag erscheinen wird, und zwar bei „einem der angesehensten akademischen Verlage der Welt“: University of California Press. Dort war vor zwölf Jahren schon Beyond Chutzpah erschienen. Harvard-Professor Alan Dershowitz, dessen Buch The Case for Israel (deutsch: Plädoyer für Israel) darin zerpflückt wurde, hatte zuletzt Arnold Schwarzenegger, den damaligen Gouverneur Kaliforniens, angefleht, er möge die Veröffentlichung verhindern. Doch Schwarzenegger weigerte sich und verwies auf die akademische Freiheit (siehe Vorwort zur erweiterten Taschenbuchausgabe von Beyond Chutzpah). Jetzt, im Jahre 2017, war es an Bahners, die grüne Bundestagsfraktion und alle anderen, die sich auf Finkelstein eingeschossen hatten, über die im deutschen Grundgesetz verankerte Forschungsfreiheit zu belehren: die „Freiheit auch und gerade der staatlich alimentierten Forschung von staatlicher Bevormundung“.

Beck ist ein hochbezahlter Abgeordneter: „Als Mitglied des Bundestags erhalte ich eine monatliche Abgeordnetenentschädigung (9.327,21 €) und eine monatliche steuerfreie Kostenpauschale (4.318,38 €)“, schreibt er auf seiner Internetseite. Er hat Abitur gemacht und sogar eine zeitlang Germanistik studiert. Trotzdem verzapft er in seiner Kleinen Anfrage – einem offiziellen Dokument – Unsinn wie diesen: „Finkelsteins Buch ‚Die Holocaust-Industrie: Wie das Leid der Juden ausgebeutet wird‘ und seine darin geäußerten falschen Vorwürfe gegen die Jewish Claims Conference werden für fehlende wissenschaftliche Präzision und Sachlichkeit sowie diffamierende Äußerungen kritisiert (www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/die-holocaust-industrie-debatten-um-das-boese-buch-a-116076.html).“ Der von Beck angegebene Spiegel-Online-Artikel hat lediglich die seinerzeit anstehende Veröffentlichung der deutschen Ausgabe des Buches zum Thema und ist hier als Beleg völlig ungeeignet. Im Übrigen: Seit Veröffentlichung der Holocaust-Industrie sind siebzehn Jahre vergangen; die darin erhobenen Vorwürfe wurden bis heute nicht widerlegt. Vielmehr bezeichnete der im Jahr 2007 verstorbene Begründer der Holocaustforschung, Raul Hilberg, Finkelsteins Buch als Durchbruch.

Noch eine Kostprobe aus der Kleinen Anfrage gefällig? „Zu dieser Veranstaltung am Max-Planck-Institut in Halle wurde mit einem Plakat und online auf der Seite von Dr. Norman Finkelstein (Max Planck Institute for social Anthroopology: 23. January 2017 Norman Finkelstein: GAZA: an inquest into its martyrdom. ‚preregistration requested by 20 January to marencakova@eth.mpg.de‘ http://normanfinkelstein.com/wp-content/uploads/2016/12/ Workshop_Finkelstein_KM161221-2.pdf, gespiegelt nur noch erreichbar unter: http://nokrauts.org/wp-content/uploads/2017/01/Workshop_Finkelstein_KM161221-2.pdf) geworben, dass den Selbstverteidigungscharakter der israelischen Militäraktionen im Rahmen der Operation ‚Gegossenes Blei‘ 2014, den Abschuss von Raketen durch die Hamas auf israelische Zivilisten und die Existenz von illegalen Tunneln aus dem Gazastreifen nach Israel bezweifelt.“ Keine Schülerzeitung, die etwas auf sich hält, würde einen derart verkorksten Text veröffentlichen. Aber die Grünen schämen sich nicht, daraus eine Bundestagsdrucksache zu machen.

Weiter heißt es an der Stelle: „Das Plakat ist mit dem offiziellen Logo des Max-Planck-Instituts Halle versehen worden, womit die darauf gemachten Angaben als Aussagen des Max-Planck-Instituts gewertet werden können.“ Dabei ist sonnenklar, dass es sich um die Thesen des eingeladenen Dozenten handelt: “Norman Finkelstein’s presentation will focus on the last and most destructive of [Israel’s] successive assaults, Operation Protective Edge in 2014. He will argue that dominant depictions of Protective Edge were replete with misinformation and disinformation: on the one hand, Israel did not launch the deadly attack in ‘self-defense,’ it did not engage in a ‘war’ with Hamas, and its ‘Iron Dome’ anti-missile defense system did not save many Israeli lives; on the other hand, Hamas did not fire ‘rockets’ at Israel, and it did not construct ‘terror tunnels’ targeting Israel’s civilian population. It was not just the major international media, however, that betrayed Gaza. Finkelstein will argue that the community of States and reputable human rights organizations also abandoned Gaza in its hour of trial.” Dass diese Thesen beim halleschen Max-Planck-Institut für eine lebhafte Diskussion sorgten, kann man sich vorstellen. Die Direktorin, Marie-Claire Foblets, resümierte denn auch: „Aus akademischer Sicht war der Workshop mit Dr. Finkelstein sehr produktiv und inspirierend“ (siehe Anhang zur Antwort der Bundesregierung).

Auf Süddeutsche.de erklärte Oliver Das Gupta diesen Plakattext für „besonders heikel“ („Auftritt von Israel-Hasser hat parlamentarisches Nachspiel“, 17. März 2017). Es seien darin „Behauptungen enthalten, die nicht der Wahrheit entsprechen“, zum Beispiel: „Die radikalislamische Hamas habe 2014 keine Raketen auf Israel abgeschossen. Oder: Es habe keine für Angriffe gegrabenen Tunnel vom Gazastreifen auf israelisches Territorium gegeben.“ Verzichtet man aber auf die Verhunzung des Textes, ist er plötzlich gar nicht mehr so heikel. Das Gupta hatte seinem absurden Vorwurf, der Plakattext stelle die Realität auf den Kopf, noch den ominösen Satz hinterhergeschickt: „All das steht unter dem Logo des Max-Planck-Instituts, das großteils von Bund und Ländern finanziert wird.“ Was von diesem Hinweis zu halten ist, hat FAZ-Redakteur Bahners bereits klargestellt. Das Gupta behauptete außerdem, der Flyer des Max-Planck-Instituts habe „das Thema detailliert beschrieben“. Aber Plakattexte sind zwangsläufig plakativ; detaillierte Erörterungen wissenschaftlicher Erkenntnisse finden sich bekanntlich in Büchern. Wer wissen will, warum Finkelstein den „Terrortunneln“ und „Raketen“ der Hamas Gänsefüßchen verpasste, der lese Methode und Wahnsinn.

Bei den jüngsten Angriffen auf Finkelstein tat sich auch die SPD-Abgeordnete Michaela Engelmeier hervor. Sie brach einst nach sieben Semestern ihr Wirtschaftsstudium ab und wurde Erzieherin. Schreiben kann sie ebenso wenig wie Kollege Beck. Auf ihrer Internetseite findet der geneigte Leser ihren „Reisebericht für die Reise nach Israel und in die palästinensischen Autonomiegebiete vom 15. – 19. Mai 2016“. Er ist zehn Seiten lang. Engelmeier schreibt: „Leider ist das Bild des Staates Israel in der überwiegenden Mehrheit der deutschen Medienlandschaft zusehends negativer geworden. Israel ist an allem Schuld, selbst an Terroranschlägen und Raketenangriffen im eigenen Land. … Wieder zunehmend salonfähig geworden und unkommentiert in Raum stehend ist der alltägliche Antisemitismus mit dem Ruf von Kindermörder Israel auf deutschen Straßen …“ Und so weiter und so fort. Engelmeiers Fazit – oder wohl doch eher das Aufsatzthema, das es auszuschmücken galt: „Israel ist weiterhin als Bollwerk gegen den Terrorismus in der Region zu sehen und nicht als Aggressor.“

Kein Wunder also, dass Finkelstein der SPD-Politikerin ein Dorn im Auge ist und dass Benjamin Weinthal von der Jerusalem Post sie dazu interviewte („‚German research institute trivializes Holocaust to attack Israel‘“, 18. Januar 2017). Anstatt sich aber mit Finkelsteins politischer Analyse des Konflikts auseinanderzusetzen oder doch wenigstens die Tatsache anzuerkennen, dass Israel allein im Sommer 2014 nicht weniger als 550 Kinder in Gaza tötete, diffamierte Engelmeier Finkelstein aufs Übelste: “Michaela Engelmeier … told the Post she was astonished that ‘with our history it is possible to welcome academics who play down the Nazi regime’s murder of six million Jews and present it as trivial.’ … Finkelstein’s remarks place him in the ‘center of right-wing radical deniers of the Holocaust and make him criminally liable in Germany,‘ Engelmeier said.” Finkelsteins Eltern überlebten das Warschauer Getto sowie Majdanek bzw. Auschwitz. Der Rest der Familie wurde von den Nazis ausgelöscht. Finkelstein müsste, wie er selbst schon oft gesagt hat, geisteskrank sein, wenn es ihm einfiele, den Holocaust zu leugnen. Er ist aber bei klarem Verstand und noch dazu ein integrer Mensch. Man wüsste gern, auf welche Quellen Frau Engelmeier sich stützt, wenn sie der Öffentlichkeit zu vermitteln sucht, dass wir es hier vielmehr mit einem Monster zu tun haben, und ob sie Raul Hilberg, der als Kind mit seiner Familie vor den Nazis floh und später als Doyen der Holocaustforschung zu Finkelsteins lautstärksten Unterstützern zählte, ebenfalls im Zentrum rechtsradikaler Holocaustleugner verortet.

Weinthal, der die Kampagne gegen Finkelstein mit lostrat, hetzte in den vergangenen Tagen gegen Mitri Raheb, einen Mann, der seit vielen Jahren Pastor an der Weihnachtskirche in Bethlehem ist, der unter anderem schon mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet wurde und der soeben vom grünen Ministerpräsidenten Baden-Württembergs, Winfried Kretschmann, einen Scheck über 30.000 Euro in Empfang genommen hat. Weinthal – wohlgemerkt: ein Gesinnungsgenosse von Volker Beck und Michaela Engelmeier – bezeichnet Raheb nun als „Hassprediger“ („German state head gives BDS Bethlehem hate preacher nearly $32,000“, 15. April 2017). Anlässlich der Vergabe des Deutschen Medienpreises vor fünf Jahren – Laudatio: Altbundespräsident Roman Herzog – hatte Weinthal Raheb bereits einen „antisemitischen Pastor“ genannt („Former German President to Honor Anti-Semitic Pastor“, 6. Februar 2012). Es passt ins Bild.

Ein weiterer Gesinnungsgenosse, der sich genüsslich an der Hetze gegen Finkelstein beteiligte und sowohl in der Kleinen Anfrage als auch in Medienberichten zitiert wurde, ist Alan Posener, der für Die Welt schreibt. Posener fragte seine Leserschaft („Umstrittener Politologe: Max-Planck-Institut bietet Israel-Hasser ein Podium“, 23. Januar 2017): „Wie würden Sie jemanden bezeichnen, der … auf seiner Website ein ‚Geburtstagsständchen für Commandante Kassem‘ veröffentlicht, dem radikal-islamischen Terroristen, nach dem die Hamas ihre Raketen benennt?“ Nachdem ich mich von meinem Lachkrampf erholt hatte, informierte ich Finkelstein und seine Websitemanagerin Sana über dieses Glanzstück des deutschen Journalismus. Sana, die mit Nachnamen Kassem heißt, hatte Anfang Januar Geburtstag gehabt, und Finkelstein hatte ihr mit dem „Geburstagsständchen“ auf seiner Internetseite gratuliert, wie er das eben bei guten Freunden gern mal macht. Sana beschwerte sich direkt bei Posener, der sie dann auch noch wüst beschimpfte. Immerhin, der Text wurde korrigiert, wenn auch nur halb (ein nunmehr unsinniger Rückbezug auf die „erwähnten Kassem-Raketen“ blieb erhalten) und klammheimlich (ohne den in solchen Fällen üblichen redaktionellen Hinweis auf eine nachträgliche Textkorrektur).

Posener schrieb weiter: „Das Recht auf Meinungsfreiheit ist in Demokratien heilig, auch wenn diese Meinung auf ‚fake news‘ – oder wie es inzwischen heißt, ‚alternativen news‘ – beruht. Nur: Mit Wissenschaft hat das nichts zu tun, wenn denn Wissenschaftlichkeit bedeutet, objektiv nach den Ursachen von Konflikten zu forschen, alle Seiten zu hören und die eigene Parteilichkeit zurückzustellen.“ In Wahrheit ist Finkelsteins Werk der Inbegriff der Wissenschaftlichkeit: Die Gegenseite kommt stets ausführlich zu Wort, nicht zuletzt deshalb, weil er ihre Äußerungen, Berichte und Bücher als Folie für seine eigene Argumentation benutzt. So zitiert er bei seiner Analyse des Goldstone-Berichts seitenweise die von israelischer und US-amerikanischer Seite vorgebrachte Kritik, ja, sogar der Sprecher der Ständigen Mission Israels bei der Europäischen Union wird „gehört“; vor ihm waren an der Reihe: Schimon Peres, Benjamin Netanjahu, Ehud Barak, Reuven Rivlin, Zipi Livni, Avigdor Lieberman, Dani Ajalon, Michael Oren, Israel Harel, Einwohner der Stadt Sderot, ein israelisches Institut zur Erforschung von „Antisemitismus und Rassismus“, Elie Wiesel, Alan Dershowitz, AIPAC, Abraham Foxman, Gary Ackerman, das US-Repräsentantenhaus und das US-Außenministerium (siehe Methode und Wahnsinn, S. 33-38).

Beck, Engelmeier, Posener und Co. sollten sich hinsetzen und, anstatt sich Postillen wie die Jerusalem Post zu Gemüte zu führen, zur Abwechslung mal ein Buch von Finkelstein lesen – zum Beispiel Methode und Wahnsinn. Erkenntnisgewinn garantiert: Beck wird erfahren, was es mit der „Friedensoffensive“ auf sich hat, Engelmeier wird etwas über die Kinder in Gaza lernen, und Posener wird sehen, zu welchen Ergebnissen ein Wissenschaftler gelangt, der „objektiv nach den Ursachen von Konflikten forscht“. Wer von diesen selbsterklärten Freunden Israels auch nur einen Funken Anstand besitzt, wird sich öffentlich und in aller Form bei Finkelstein und dem Max-Planck-Institut entschuldigen.

Zu guter Letzt sei noch auf ein Kuriosum hingewiesen, und zwar auf den Artikel „Einzigartige Beziehungen: Die Deutsch-Israelische Parlamentariergruppe“ (Stand: 11. April 2017) aus dem Internetangebot des Deutschen Bundestages. Der interessierte Leser/Wähler/Steuerzahler sollte dort eigentlich einen einigermaßen informativen Text vorfinden. Doch nicht genug damit, dass Israel zuliebe die Wahrheit verdreht wird – der Gazastreifen ist durchaus kein von Israel „freigegebenes Gebiet“ –, nein, der Artikel ist auch noch das reinste Loblied auf den Vorsitzenden Volker Beck. Das Ganze liest sich wie ein Bewerbungsschreiben. „Wenn Volker Beck über Israel redet, ist es ihm ein Anliegen, ein faires und möglichst umfassendes Bild des Landes zu vermitteln. ‚Israel ist mehr als nur Teil einer Konfliktregion‘, so der Grünen-Politiker. Im Gegenteil.“ (Wieder einmal toll formuliert.) „Der Bezug zu Israel zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben von Beck, auch vor und neben seiner Tätigkeit als Mitglied des Deutschen Bundestages. … Als bundesweit bekannter Politiker stößt Beck dabei regelmäßig auf Widerstand, bis hin zu antisemitischen Kommentaren. ‚Natürlich bekommt man auch Gegenwind‘, räumt Beck ein, aber die Zustimmung zu seiner Arbeit überwiege bei weitem die Ablehnung. Dies und die Erfolge des eigenen Tuns seien die beste Motivation.“ Nun, wie ich schon an anderer Stelle schrieb: „Volker Beck empfiehlt sich“. Aber dass der Bundestag die Eigenwerbung eines scheidenden Abgeordneten in dieser Weise unterstützt, das ist ja wohl „alles andere als koscher“.

Maren Hackmann-Mahajan

  1. Mai 2017

Maren Hackmann-Mahajan ist freiberufliche Lektorin und Übersetzerin und arbeitet seit Jahren mit Norman Finkelstein zusammen. Jüngste Veröffentlichung (als Mitübersetzerin): Martin Luther King, Ich bin auf dem Gipfel des Berges gewesen: Reden (Hamburg 2016). Sie lebt in der Nähe von San Francisco.



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