Volker Beck empfiehlt sich – mit einem Angriff auf Norman Finkelstein

Der US-Politologe Norman G. Finkelstein war im Januar einer Einladung des Max-Planck-Instituts in Halle gefolgt. Die Kunde von diesem unerhörten Vorgang drang bis nach Florida zum gescheiterten republikanischen Präsidentschaftskandidaten Marco Rubio, der sich empört zeigte. Nun soll sich gar der Bundestag mit der Causa Finkelstein befassen.

Zu verdanken ist diese Posse dem grünen Nochbundestagsabgeordneten Volker Beck. Sein „Eintreten für eine faire Berichterstattung über Israel” wurde bereits gewürdigt, wie auf seiner Internetseite zu erfahren ist, ja, „sein Kampf gegen Antisemitismus und Israelfeindlichkeit ist vorbildlich”. Wie dieses Engagement aussieht, zeigt nun eine „kleine Anfrage” der Grünen-Fraktion.

Unter der Schlagzeile „Auftritt von Israel-Hasser hat parlamentarisches Nachspiel” berichtet die Süddeutsche Zeitung am 17. März 2017 auf ihrer Internetseite: „Die Abgeordneten klopfen bei der Bundesregierung ab, inwiefern es sich bei der Einladung Finkelsteins um einen ‚wissenschaftlich begründeten oder begründbaren Vorgang’ handelte. Aus der Antwort könnte hervorgehen, ob die Bundesregierung Norman Finkelstein für einen ernstzunehmenden Wissenschaftler hält – oder nicht.”

Der Autor des Artikels, Oliver Das Gupta, „kann sich am Alten faszinieren”, wie er in der beigefügten Kurzbiografie verrät. Es ist nicht ganz klar, was uns der Redakteur für Politik und Zeitgeschichte damit sagen will, aber für bahnbrechende neue Studien hat er offenbar nicht viel übrig. Was die „falschen Angaben” betrifft, die der „umstrittene” Finkelstein dem Max-Planck-Institut „untergejubelt” haben soll: Schon die bemängelte Ankündigung des Workshops zeigt unmissverständlich, dass es Finkelstein um Begriffsklärung ging. Im Übrigen hat er in seinem neuesten Werk, das auch auf Deutsch vorliegt (Methode und Wahnsinn: Die Hintergründe der israelischen Angriffe auf Gaza, Hamburg 2016), detailliert – und unter Berufung auf israelische Quellen – geschildert, warum die gängigen Begriffe („Raketen“, „Terrortunnel“ usw.) irreführend sind. Fünf Jahre zuvor war mit Israels Invasion in Gaza (Hamburg 2011) bereits ein Buch erschienen, das die „Operation Gegossenes Blei” von 2008/2009 untersuchte. Niemand Geringeres als Franziska Augstein urteilte damals in der Süddeutschen Zeitung: „Der Politologe Norman Finkelstein hat über den Gaza-Krieg ein gerechtes Buch verfasst.” Kann denn Franziska Augstein sich „an einem Israel-Hasser faszinieren”?

Im Artikel von Oliver Das Gupta wird gleich zweimal ein Link für „Israel” angeboten – und der führt nicht etwa zu Eckdaten zur Geschichte des Landes, sondern geradewegs zur Rubrik „Reiseführer”. Der Werbetext auf SZ.de lautet: „In Israel befinden sich alle biblischen Orte und somit das Herz und der Ursprung des jüdischen und christlichen Glaubens. Die schwierige politische Lage hält viele Besucher davon ab, Israel zu bereisen. Doch das Land im Nahen Osten hat in und um Jerusalem so enorm viele Sehenswürdigkeiten zu bieten, dass sich so mancher Tourist von den Gefahren des Palästinenserkonflikts nicht abschrecken lässt.” Wie der Internationale Gerichtshof einstimmig bekräftigte, gehört Ost-Jerusalem zu den von Israel besetzten palästinensischen Gebieten. Und, äh, kann bei der Süddeutschen mal einer „Bethlehem“ googeln?

Was soll man davon halten, wenn, wie in Halle geschehen, ein „Bündnis gegen Rechts“ vor einem renommierten akademischen Institut in Deutschland aufmarschiert, um die rechtsextreme Regierung eines anderen Landes gegen berechtigte Kritik zu verteidigen? Was bilden sie sich ein, diese selbsternannten Antifaschisten, die für ein Land die Fahne schwenken, dessen faschistischen Elemente kaum zu übersehen sind? Was geht vor im Kopf von jungen Deutschen, die meinen, einem amerikanischen Juden – dessen Eltern das Warschauer Getto sowie Majdanek bzw. Auschwitz überlebten – Redeverbot erteilen zu müssen, nur weil dieser es wagt, die menschenverachtende Politik Israels anzuprangern?

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat Patrick Bahners den Angriff der Grünen auf die akademische Freiheit nun am 22. März einer vernichtenden Kritik unterzogen. Er weist darauf hin, „dass in Deutschland inzwischen jeder öffentliche Auftritt von Rednern zum Skandal gemacht wird, die für eine Haltung der Fundamentalkritik an der Politik Israels stehen“. Ob Finkelsteins „völkerrechtlichen Ansichten und etwaige empirische Ergebnisse seiner Beschäftigung mit dem israelischen Besatzungsregime im Kontext der rechtsethnologischen Forschungen in Halle interessant sind, ist eine Frage für diejenigen, die diese Forschungen anstellen.“

Das Theater um Finkelsteins Person soll zum einen abschreckend wirken – wer ihn einlädt, kann sich auf was gefasst machen – und zum anderen der Ablenkung dienen – reden wir doch über Antisemitismus und Israelfeindlichkeit statt über Besatzung, Blutvergießen und Blockade. Allein was Gaza im Sommer 2014 angetan wurde, war eine Offenbarung. Um aus Methode und Wahnsinn zu zitieren: „‚Ich habe noch nie so massive Zerstörungen gesehen‘, sagte der Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, Peter Maurer, nach einer Ortsbesichtigung, während UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon vor der UN-Generalversammlung erklärte: ‚Das gewaltige Ausmaß von Tod und Zerstörung in Gaza hat die Welt schockiert und beschämt.‘“

Finkelstein wird immer wieder vorgeworfen, er erhalte Beifall von Neonazis und schüre mit seinen Thesen den Antisemitismus. In seinem Buch Antisemitismus als politische Waffe (München 2006) schreibt Finkelstein abschließend: „Die echten Antisemiten nehmen die israelische Unterdrückungspolitik zum Vorwand, um Juden zu verteufeln; ein Ende der Besatzung würde diese Leute erstens einer gefährlichen Waffe berauben und zweitens ihre wahren Ziele zum Vorschein bringen. Je mehr Juden ihre Ablehnung der israelischen Besatzung offen zum Ausdruck bringen, desto weniger Nichtjuden werden fälschlicherweise annehmen, dass ‚die Juden‘ die verbrecherische israelische Politik und die unkritische Unterstützung, ja Ermunterung, die diese Politik durch die einschlägigen jüdischen Organisationen erfährt, gutheißen. Die schlimmsten Feinde im Kampf gegen den wahren Antisemitismus sind jedoch die Philosemiten. Das macht sich vor allem in Europa bemerkbar. Weil die Philosemiten glauben, aus Rücksicht auf das historische Leid des jüdischen Volks die Augen vor israelischen Verbrechen verschließen zu müssen, versetzen sie Israel in die Lage, seinen mörderischen Weg unbehelligt weiterzugehen. Was sie dabei übersehen, ist, dass genau das Antisemitismus schürt und schließlich auf die Selbstzerstörung Israels hinausläuft.“

Über die Originalausgabe des eben zitierten Werks (Beyond Chutzpah, Berkeley 2005) stand damals in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Man kann die Vielfalt und Seriosität der von Finkelstein herangezogenen Geschichts- und Rechtsquellen kaum genug hervorheben … Welche Konsequenzen können aus diesem Buch für den politischen Alltag gezogen werden, insbesondere in der Menschenrechtspolitik der EU? Vielleicht sollte die EU versuchen, Einfluss auf Israel zu nehmen, und verlangen, dass sie die UN-Resolutionen in die Tat umsetzt und die Feststellungen des Internationalen Gerichtshofes vom 9. Juli 2004 bezüglich der Völkerrechtswidrigkeit der Trennungsmauer respektiert. Finkelstein zwingt jedenfalls seine Leser zum ernsthaften Nachdenken über eines der brennendsten politischen Problemfelder unserer Zeit.“

Man kann nur hoffen, dass sich bei der Bundesregierung jemand die Mühe macht, Finkelsteins Bücher zu lesen, bevor die „kleine Anfrage“ beantwortet wird. In Wirklichkeit gibt es niemanden, der Finkelstein das Wasser reichen könnte. Er leistet detektivische Kleinarbeit, um die Wahrheit zu ergründen, er versteht es, messerscharf zu analysieren, und er verfügt über einen immensen Wissensschatz. Und: Er hat den Mut – Volker Beck würde wohl eher sagen: die Frechheit –, die Öffentlichkeit mit seinen Forschungsergebnissen zu konfrontieren. Ein Kollege, der Finkelstein über Jahre hinweg immer wieder Respekt zollte, war der inzwischen verstorbene Doyen der Holocaustforschung Raul Hilberg. Dass ausgerechnet dessen Wort bei den selbsterklärten Freunden Israels nichts gilt, lässt tief blicken.

Der Tagesspiegel berichtete im Dezember 2016: „Die Grünen verweigern ihrem Abgeordneten Volker Beck nach 22 Jahren ein neues Mandat für den Bundestag … Am Ende haben all die prominenten Unterstützer Volker Becks Karriere nicht retten können. Von Gewerkschaftsboss Frank Bsirske über Günter Wallraff bis zum Präsidenten des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, reichte die Liste der Unterstützer … Auf Facebook dankte der bald 56-Jährige nun seinen Unterstützern und versprach, er werde sich weiter ‚für die Gleichheit der Verschiedenen und eine Politik des Respekts einsetzen‘. Bei welcher Institution er andocken will, verriet er nicht. Dafür verlieh Beck seiner bisherigen politischen Arbeit mit einem Talmud-Zitat eine geradezu religiöse Dimension: ‚Es ist uns aufgetragen, am Werk zu arbeiten, aber es ist uns nicht gegeben, es zu vollenden.‘“

Volker Beck empfiehlt sich also. Wo er „andockt“, werden wir sehen. Er sollte Gaza besuchen, bevor er sich entscheidet.

Maren Hackmann-Mahajan

  1. März 2017

Maren Hackmann-Mahajan ist freiberufliche Lektorin und Übersetzerin und arbeitet seit Jahren mit Norman Finkelstein zusammen. Jüngste Veröffentlichung (als Mitübersetzerin): Martin Luther King, Ich bin auf dem Gipfel des Berges gewesen: Reden (Hamburg 2016). Sie lebt in der Nähe von San Francisco.



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